Anglizismen in der deutschen Sprache sind keine Bedrohung

Die Angst ist groß, dass das „deutsche Volk“ ausstirbt, verdrängt durch andere Nationen, dass „deutsche Tugenden“ aussterben, ausrangiert durch andere Kulturen und dass in diesem Zusammenhang auch die deutsche Sprache verschluckt wird von anderen Sprachen. Es ist mal wieder typisch, dass manche Medien an erster Front stehen, dieses Thema nur allzu bereitwillig aufzugreifen, Kasse mit einer unnötigen Angst zu machen. Jedoch ohne den Gedanken zu Ende zu denken und letztendlich ohne ihrer Aufgabe nachzukommen, anständig zu recherchieren und aufzuklären. Aber gut, spätestens seit Marcel Reich-Ranickis Rede vor kurzer Zeit wissen wir, dass Medienmache nicht unbedingt Bildungsmache ist.

Selbst Menschen, die ich für einigermaßen angstfrei und immun gegen solche Art von Einimpfungen seitens mancher Institutionen halte, kommen mehr und mehr auf mich zu und fragen, was das denn nun auf sich hat mit diesen ganzen „Bedrohungen“, die denn da auf „die Deutschen“ zu kommen. Deswegen gibt es eine kleine Einführung in die sprachliche Sicht der Dinge:

  1. Sprache ist nichts Statistisches. Sie ist kreativ, ständigem Wandel unterzogen, den ihre Sprecher mehr oder minder bewusst provozieren. Ich denke, mir wird jeder zustimmen, dass der Mensch, also der Sprache VerwenderInnen, nicht in jeder Sekunde seines Lebens gleich ist, sondern durch jeden Eindruck mehr oder weniger Entwicklungen ausgesetzt ist. Ebenso ist es mit der Sprache, wobei manche Bereiche mehr, andere weniger betroffen sind. So ist die Übernahme von Wörtern wahrscheinlicher als die Übernahme komplexerer grammatischer Strukturen.
  2. Deutsch ist eine germanische Sprache. Dass viele Begriffe aus dem Englischen schnell in die deutsche Sprache Eingang finden, liegt daran, dass auch das Englische den germanischen Sprachen zugeordnet wird, so dass allein der Sprachaufbau diesen Prozess begünstigt, anders z.B. beim Chinesischen oder Arabischen. 
  3. Einige Menschen argumentieren mit dem Verlust der Reinheit der deutschen Sprache und sehnen sich nach dem Ursprung. Dazu nur folgendes: Viele Begriffe, wie Birne, Pflaume, Pfeil, ja sogar Straße, Korb, Sack, Münze sind z.B. aus dem Latein übernommen worden. Das Prinzip der Reinheit auf die deutsche Sprache anzuwenden, ist also Quatsch. Sie wurde und wird durch andere Sprachen zu dem, was sie ist.
  4. Sprache entwickelt sich durch ihre SprecherInnen und deren gelebter Kultur. Wie in Punkt 3 angedeutet, gab und gibt es für bestimmte Konzepte und Ideen kein Wort. Am schnellsten geht es, und der Mensch ist schnell und sogar schneller heutzutage, einfach Worte aus einer anderen Sprache, die diese Ideen oder Dinge schon kennt, zu übernehmen.
  5. Viele Wörter werden für Anglizismen gehalten, die gar keine sind. Dazu gehört z.B. Handy.
  6. Selbst wenn Begriffe verloren gehen, so entstehen doch kontinuierlich neue. Manchmal “sterben” Worte sogar nicht aus, sondern werden lediglich in bestimmten Situationen oder Bereichen angewendet; somit gäbe es sogar eine Wortschatzerweiterung.
  7. Wir sehen amerikanische Serien und Filme oder hören englischsprachige Musik oder profitieren von den wissenschaftlichen Errungenschaften, die aus anglophonen Kulturen stammen. Der Sprachkontakt ist also enorm.
  8. Hinzuzufügen ist, dass die Ursache der Bedenken eben politisch motiviert ist. Sprache und ihre SprecherInnen die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist der einfachere Weg. Aber sicher nicht der richtige.

So lassen sich mehr und mehr sprachwissenschaftliche Begründungen finden, die die Ängste, die geschürt werden, unterlaufen. So absurd die ganze Diskussion ist, so gleichwohl spannend ist sie, da sie Grundeinstellungen offenbart (übrigens nicht nur in Deutschland geäußert), die gründlich überdacht werden sollten. Die Träger einer Kultur sind verantwortlich für die Kenntnis und die Weitertragung bestimmter Traditionen, die ihnen als wertvoll und wichtig erscheinen. So wäre eine Reflexion über diese Vorgänge weitaus wichtiger als ihre Eliminierung oder provozierte, nationalistisch angehauchte Panikmache. Sicherlich sollten wir uns in Gedanken rufen, dass Sprache in erster Linie der Kommunikation dient und eventuell ältere Generationen Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben. Gleichzeitig wäre diese mangelnde Kommunikation eine Chance, aufeinander zu zugehen, Fragen zu stellen und die Vielfalt der Sprache zu erkennen, zu leben und zu akzeptieren. Veränderungen sind Teil des Spiels Leben.    

PS: In Frankreich wurde witzigerweise, mit der Begründung der Reinheit (!) der französischen Sprache und der Beihaltung des Ursprungs (!), der Begriff computer aus dem Englischen mit dem französischen Wort ordinateur ersetzt. Was die französische Sprachpolitik dabei wohl nicht bedachte: computer entspringt dem lateinischen Wort computare und somit wäre das englische Wort computer näher an der Realisierung der sogenannten Reinheit und dem Ursprung.

Zum Weiterlesen:

http://www.el-picaro.de/pdf/HA_Anglizismen.pdf

http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/966/182400/

Phillipson, Robert. Linguistic Imperialism. Oxford University Press, 1992

Comments
2 Responses to “Anglizismen in der deutschen Sprache sind keine Bedrohung”
  1. dbj sagt:

    Naja anstelle Computer sollte man Rechner sagen, was nach der Erfindungen von Konrad Zuse (erster vollautomatischer, frei programmierbarer Rechner) ja auch eindeutig wird. Zudem könnte man runterladen statt downloaden und raufladen statt uploaden sagen. Kaffee für unterwegs statt coffee to go, wäre auch nicht schlecht, oder wie wäre es mit Dienstleistung statt service…und und und.
    Achja viele englische Wörter ähneln dem deutschen Wörtern, weil die Engländer ja auch mal ursprünglich Germanisch waren…
    Wir sollten die deutsche Sprache achten, pflegen und stets weiter Entwickeln.
    Wörter wie Portmonai in deutsch Geldbörse wurden schon zu Kaisers Zeiten verspöttet.
    Wir leben in Deutschland und hier hat man deutsch zu sprechen, so wie zu Werben, oder warum Werben so viele große Firmen auf Englisch oder Türkisch, nicht weil so wenige in Deutschland diese Sprachen sprechen, sondern weil immer weniger deutschsprachige Menschen in Deutschland leben!
    Mein Opa hat es aufgegeben, die Bildzeitung zu lesen und ist der Meinung das wenn es so weiter mit der Unterdrückung Deutschland voran geht, wir wieder eine Rassenbereinigung und das Europa weit haben werden…
    Und wenn jetzt schon Anne Will im staatlichen Fernsehen anfängt das Deutsche zu befürworten, dann ist es nicht mehr lange hin….

    Wenn man sich mal ältere Sprachaufzeichnung anhört und diese mit heutigen vergleicht, dann wird einem Übel…. Achja wer von euch beherrscht noch seine Regionalsprache, bei mir Plattdeutsch??? Also ich muss passen ein paar Wörter und dann ist Ende im Gelände, aber ich bin dabei es zu lernen…
    Rap ist scheiße – deutscher Sprachgesang ist genial und war schon im Mittelalter beliebt… Junge deutsche Dichter und Denker weiter so….

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  1. [...] besmirching effect. The use of English in German is a natural phenomenon of language, and thus no ‘threat’ as many perceive it to be. How many of the words used today in German will remain and become part [...]



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