Poetry Man – Pégase, das Mischwesen

Ein Wasserhahn tropft. Das Plätschern durchbricht die Stille im Raum. Diese Szene ist in Filmen nicht neu. Fast scheint es als genüge sie sich inzwischen selbst, als Ausdruck eines künstlerisch-ästhetischen Anspruchs. Ein Wasserhahn tropft. Das Plätschern durchbricht die Stille im Raum. Nicht so in Mohamed Muftakir´s „Pégase“. In diesem Moment offenbart sich der Film, schreit seine ganze Thematik. Der Tropfen, der in das mit Wasser gefüllte Waschbecken fällt, wird zum Wegweiser. Zum blinkenden Signal. Es geht nicht um den Tropfen, sondern darum worauf er zeigt. Es geht nicht um die Tatsache, dass er auf eine Wasseroberfläche trifft und sie kreisförmig zerstreut. Es ist die ultimative Aufforderung an den Zuschauer sich unter die Wasseroberfläche zu begeben. Nicht auf ihr zu verweilen oder sich schlicht an dem Schauspiel zu erfreuen. Oder sich mit dem zu begnügen, was die Augen einem zeigen. Der Tropfen wird zum Pfeil in die Tiefe. Die große Frage steht im Raum: Was liegt darunter? Was ist das Verborgene? Das Geheimnis? Was ist nicht nur die chronologische sondern die Diachronie und Synchronie sprengende Komponente?

Wer ist das Mädchen, das zerschunden auf einer Straße aufgefunden wurde und nun kauernd auf den kalten Fliesen in der Ecke hinter Gitterstäben eines heruntergekommenen so genannten Krankenhauses in einem Nachthemd sitzt und nichts weiter von sich gibt, als immer während zitternd zu flüstern: „ Der Herr der Pferde. Er wird kommen.“ und „Ich muss um Verzeihung bitten.“? Ihre Mauer zu durchbrechen, das ist die Aufgabe der Psychologin Zineb. Doch Zineb weigert sich. Zunächst. Es ist als müsse erst die Psychologin Vertrauen zu ihrer Patientin fassen und nicht umgekehrt. Und Szene für Szene entblättert sich vor den Augen der Zuschauer eine unfassbare Geschichte. Eine Tragödie. Ein verkettetes Leiden, nicht nur einzelner Protagonisten sondern aller. Jeder auf seine Art. Eine Liebesgeschichte. Ein Thriller. Eine psychologische Geisterbahnfahrt. Ein Gedicht. Eine Geschichte, die nicht nur von Frauen in einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft erzählt. Einem Fazit bei dem man zum Stehen bleiben verlockt wird, weil der ganze Film so vermarktet wird.

Mohamed Muktabar erzählt nicht, er zeigt.

Einen Vater, der selbst unter dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen steht. Der nicht mehr umkehren kann, sondern tiefer und tiefer in die Mühlen einer zweifelhaften Ehrvorstellung um jeden Preis gerät und am Ende die Ehre selbst durch sein Handeln in Frage stellt. Der andere dafür zahlen lässt, mit in den Abgrund zieht. Und selbst den Preis dafür zahlt.

Einen Arzt, der die Liebe als Laster interpretiert und sich dazu verdammen lässt, die Scherben der Gesellschaft vor den Augen eben derer verborgen zu halten. Der am Stock geht und Pflichtbewusstsein von echtem Mitgefühl kaum noch zu unterscheiden vermag. Und doch hinter den Scherben hinterher jagt.

Eine funktionierende Krankenschwester, die ihre Gefühle hinter einem farblosen Kopftuch versteckt und reagiert anstelle zu agieren. Sie ist nicht mehr als ein verlängerter Arm, leblos aber mit manikürten Fingernägeln. Überzeugt, das Richtige zu tun.

Und dann sehen wir Zayd, der als Waise im Schatten der Moschee aufwächst, dort lesen und schreiben lernt und das Mädchen Rihana erkennt. Er ist der tragische Held des Films. Ein von Mut und Eigengeist Durchdrungener, der schon als Kind sagt, dass es egal ist, wie man schreibt oder zeichnet, sondern dass zählt was man dabei fühlt.  Zayd ist Kraft, spirituell und materiell. Ein Mischwesen. Er ist es, der immer wieder ausbrechen will. Nicht allein, sondern niemanden zurück lassend. Er ist nie nur Träumer, nie nur Getriebener, sondern immer sowohl als auch. Und wird am Ende von der Gefangenheit, der Zerrissenheit seiner Mitmenschen selbst umgeworfen. Seine Träume, seine Ziele zerbersten in viele Stücke. Sein Leben zerbrochen, wie das rohe Ei, das er auf den Boden wirft. Weil schließlich selbst die Geliebte scheitert sich zu erkennen. Und zu sich zu stehen und damit auch zu ihm. Traumatisiert ist am Ende nicht nur das Mädchen in der Krankenhauszelle.

In Zeiten, die Grenzen und nicht Freiheit als Lebenselixier sieht – sowohl mental als auch real – ist dieser unaufgeregte Film eine Herausforderung, aber auch Bestätigung. Charaktere verschwimmen, werden klar, um uns wieder alles Gesehene und Geglaubte über Bord werfen zu lassen. Unablässig die Grenzen nach außen zu drücken, sie zu hinterfragen, so ist der ganze Film selbst aufgebaut. Form und Inhalt fließen ineinander über. Keine Szene ist überflüssig. Jedes Bild deutet auf ein nächstes oder ergänzt ein vorheriges. Bis auf wenige Momente, in denen  eine aggressive Bildanreihung tatsächlich angebracht ist, kommt Mohamed Muktabar mit einer Stille und Reduziertheit aus, die alle Plakatiertheit und jeden Krach zu übertönen vermag. Jedes Bild, beinahe jede Geste ist ein Kunstwerk an sich. Ohne gekünstelt zu wirken. Oder gar Flucht anbietet. Raum für Emotion wird geschaffen, die sonst in der Geschwindigkeit untergeht und an Bedeutung verliert. Das ist Kunst.

Wer sind wir? Wer oder was macht uns dazu? Was ist Traum und was Wirklichkeit? Was ist Subjektivität und Objektivität? „We´ve read Freud, Jung…but can we really put ourselves into the role of our patients? Can we really understand them?“, fragt Zineb. Nicht, wenn wir es nicht schaffen unsere Herzen mit unserem Verstand zu verbinden.

2011 wurde die Produktion auf dem Festival FESPACO mit dem Etalon d´or de Yennenga ausgezeichnet. „Pégase“ ist Mohamed Mouftakirs erster Film in Kinospielzeitlänge. Zuvor drehte er einige Kurzfilme.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.